Ankündigung des Sammelbandes zur Tagung 'Besatzungskinder und Wehrmachtskinder - Auf der Suche nach Identität und Resilienz

Children born of war in a comparative perspective – state of the art and recommendations for future research and policy implementations

Bericht zum Expert Meeting vom 3. bis 4.03.2016

Kinder, die während oder nach einer kriegerischen Auseinandersetzung geboren werden, gab es immer und wird es immer geben. ‚Kinder des Krieges‘ werden darüber definiert, dass sie eine einheimische Mutter und einen Vater einer anderen und in der Regel feindlichen Nation haben. Sie wachsen nicht selten in einem Umfeld aus Zerstörung, Diskriminierung und Stigmatisierung auf, dem sie in einer Phase der Identitätsbildung ausgeliefert sind. Doch auch wenn Kinder als Schutzbedürftige in die Kategorie der Opfer fallen, sprengen die sogenannten ‚Kindersoldat_innen‘ diese kategorischen Grenzen, indem sie die Rolle der Opfer und der Täter_innen zugleich in sich vereinen. Seit einiger Zeit sind die ‚Kinder des Krieges‘ auch in den Fokus wissenschaftlichen Interesses gerückt.

Auf dem von den Professorinnen Elke Kleinau (Universität zu Köln, SINTER) und Ingvill C. Mochmann (GESIS und Cologne Business School) organisierten Expert_innen Meeting, das am 3. und 4. März 2016 in der Cologne Business School stattfand, widmeten sich Wissenschaftler_innen aus unterschiedlichen Disziplinen dem Thema und stellten ihre Forschungsergebnisse vor. Es sollte kritisch herausgearbeitet werden, wie mit diesem aktuellen und sensiblen Thema auf wissenschaftlicher Ebene umzugehen sei, inwiefern Kenntnisse aus vergangenen Dekaden für die Gegenwart und Zukunft von Bedeutung sein könnten und wie diese in wissenschaftliche, politische und praktische Maßnahmen transferiert werden können. Und so standen ‚Besatzungskinder‘, ‚Wehrmachtskinder‘ des Zweiten Weltkrieges, ‚Kindersoldat_innen‘ und andere von aktuellen kriegerischen Konflikten betroffene Kinder im Zentrum der Diskussion.

Nach der Begrüßung und organisatorischen Hinweisen startete das erste Panel, das sich mit ‚Kindern des Krieges‘ in der Gegenwart beschäftigte.

Begonnen wurde mit einem Beitrag über ‚Kinder des Krieges‘, die möglicherweise nie auf die Welt gekommen sind. Jennifer Scott (Brigham and Women´s Hospital, Harvard Medical School, USA; z.Zt. L'École des Hautes Études en Sciences Sociales, Institut des mondes africains, France) berichtete in ihrem Vortrag „Influences on decision-making processes among women with sexual violence-related pregnancies in eastern Democratic Republic of Congo“ davon, welche Entscheidungsmöglichkeiten kongolesische Frauen hatten, die aufgrund einer Vergewaltigung schwanger geworden waren. Seit 1996 ist die Region um den Kongo in Unruhen verwickelt, die seither mehr als fünf Millionen Menschenopfer gefordert haben. Scott verwies auf die Tatsache, dass die Vergewaltigung von Frauen in dieser Region zu einer Kriegswaffe geworden sei, was auch an der Zahl von 200.000 Angriffen auf Frauen in den letzten 12 Jahren auszumachen sei. Der Schwerpunkt des Vortrags lag auf dem Prozess, den vergewaltigte Frauen in ihrer Entscheidungsfindung, das Kind auszutragen oder die Schwangerschaft abzubrechen, durchliefen und welche Faktoren zu der einen oder anderen Entscheidung führten. Dieser komplexe Prozess der Entscheidungsfindung würde von den Frauen unter Berücksichtigung religiöser, moralischer, partnerschaftlicher und sozialer Einflüsse beeinflusst. Es sei außerdem wichtig die Auswirkungen des individuellen Traumas einer jeden Frau zu berücksichtigen.

Norman Mukasa (University of Deusto, Spain; z.Zt. Muteesa I Royal University, Uganda) begann seinen Vortrag „Victims in war and peace: Mothers and Children Born of War in Northern Uganda“, indem er einige Begriffe wie ‚Children born of war‘ und ‚Child/Young Mothers‘ definierte. Diesen ‚Kinder-Mütter‘, die in Uganda auch ex-LRA´s (LRA= Lord´s Resistance Army) genannt werden, gilt das Forschungsinteresse Mukasas. Für seine Untersuchungen interviewte er 13 junge Mütter im Alter zwischen 16 und 25 Jahren, die alle Opfer sexueller Gewalt waren und noch vor ihrem 18. Lebensjahr Kinder bekamen. In seinem Vortrag fokussierte er sich auf den Alltag der Mütter und ihrer Kinder und die Herausforderungen, denen sich diese jungen Mütter stellen müssen. Außerdem ging er auf die sozialen Einflüsse ein, die für eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft wichtig seien. Mukasa betonte, dass die Mütter mit ihren Kindern Stigmatisierungen, Diskriminierungen und Ausgrenzungen ausgesetzt seien. Und er verwies auf die Konsequenzen von Schlaflosigkeit, über Traumata bis hin zu Identitätsverlust, die dies für die Betroffenen habe. Mit seiner Forschung wolle Mukasa auf die Notwendigkeit aufmerksam machen, den Müttern und ihren Kinder ihre Rechte und ihre Würde zurückzugeben.

Judith Imholt (Absolventin der CBS) stellte in ihrem Vortrag „Refugees in Cologne – experiences from the field“ ihre Arbeit in der Flüchtlingshilfe in Köln vor und berichtete von ihren persönlichen Erfahrungen im Umgang mit jungen, meist männlichen Flüchtlingen.

Der Tag wurde von Miriam Cullen (University of Copenhagen, University of Oxford, Centre for International Law and Justice und TraumAid International) beschlossen, die in ihrem Vortrag „Children and international criminal prosecutions“ auf die Strafverfolgung von Kindern einging sowie die Herausforderungen Kinder als Zeugen in Gerichtsprozesse zu nutzen, insbesondere bei kriegerischen Konflikten.

Der zweite Tag, der sich mit ‚Kindern des Krieges‘ aus vergangenen Konflikten beschäftigte begann mit dem Vortrag „Children born of Occupation – experiences of education and differentiation“ von Rafaela Schmid und Elke Kleinau (beide Universität zu Köln), die ihr Forschungsprojekt über „Besatzungskinder in Deutschland nach 1945“ vorstellten. Nach einer Einführung in das Thema und die aktuelle Forschungssituation erklärten sie ihre methodische Vorgehensweise mit biografisch-narrativen Interviews, die sie mit der offenen Frage: „Würden Sie mir bitte ihre Lebensgeschichte erzählen?“ beginnen. Die Geschichte, die daraufhin erzählt wird, wird als ein Produkt von Interaktionen zwischen Forscher_innen und Befragten interpretiert. Derzeit analysierten Schmid und Kleinau 16 bereits geführte Interviews mit ‚Besatzungskindern‘ aus allen vier Besatzungszonen, was zu neuen Fragestellungen führe. Besonders der Umgang mit „professionellen“ Zeitzeug_innen, für die es zu einer Bewältigungsstrategie geworden sei ihre Geschichte zu erzählen, sei eine große Herausforderung.

Im Folgenden stellten Andrea Meckel (GESIS und Universität zu Köln) und Ingvill C. Mochmann in dem Vortrag „Social Trust and Children born of War“ Ergebnisse zum sozialen Vertrauen von ‚Wehrmachtskindern‘ vor. Die Daten wurden im Rahmen einer quantitativen Studie anhand von Fragebögen unter der Leitung von Martin Miertsch erhoben und sind Teil eines größeren internationalen Kooperationsprojektes. Die norwegischen ‚Kinder des Krieges‘ wurden nach ihrer Kindheit, traumatischen Erlebnissen, Identitätssuche, Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen und ähnlichem gefragt. Die Forschungsfrage bezog sich dabei auf die Annahmen, dass negative Erlebnisse in Interaktion mit anderen Menschen zu einem geringeren sozialen Vertrauen führten und dies durch das Selbstwertgefühl der Betroffenen vermittelt wird.

Oskars Gruzins (University of Latvia) präsentierte eine Übersicht seines Dissertationsvorhabens „My father wore an Occupier´s Uniform: Experiences of Children Born of German and Soviet Soldiers in Latvia“, welches innerhalb des Marie Curie Initial Training Network Projekts „Children born of War – Past, present and future“ entstehen soll. In seiner Untersuchung wolle er sich auf den Zeitraum von 1944/45 bis 1991 konzentrieren. Gruzins betonte, dass die ‚Kinder des Krieges‘ aus Lettland sowohl ‚Wehrmachtskinder‘ als auch Kinder von Sowjetsoldaten sind. Er formulierte mögliche Theorien, Fragestellungen und eventuelle Schwierigkeiten, die ihn erwarten könnten. Die Forschungslage über die in Lettland geborenen ‚Kinder des Krieges‘ sei unzulänglich, was eine generelle Aufarbeitung des Themas erfordere. Die größte Hürde stelle die Suche nach geeigneten Zeitzeug_innen und anderen Informationsquellen dar. Aufgrund einer jahrzehntelangen gesellschaftlichen Tabuisierung des Themas wüssten viele ‚Kinder des Krieges‘ nichts von ihrem eigenen Schicksal.

Der letzte Beitrag der Tagung  wurde von einem dänisches ‚Wehrmachtskind‘ gehalten. Arne Øland (Repräsentant von Born of War international network) berichtete in seinem Vortrag „Practical, juridical and political suggestions – voices from BOW i.n. representatives“ über die Schwierigkeiten, denen sich ‚Kinder des Krieges‘ stellen müssen, um ihre biologischen Väter ausfindig zu machen. Da die Gesetze in den einzelnen Ländern verschieden sind, sei es oftmals schwierig und manchmal unmöglich an die nötigen Akten zu kommen. Abschließend stellte er die Organisation BOW i.n. vor, die 2007 gegründet wurde und sich als ein internationales Netzwerk verstünde, das die ‚Kinder des Krieges‘ über Grenzen hinweg unterstützten und koordiniere. Zudem sei es ein Ziel der Organisation präventiv tätig zu werden. Seit Jahrzehnten mit Fragen nach Identität und biologischer Herkunft befasst, diskutiert BOW i.n. auch aktuelle Problematiken, wie die Bedeutung der biologischen Herkunft bei Kindern von Samen- oder Eispender_innen.

In der anschließenden Abschlussdiskussion, wurden die vergangenen zwei Tage angeregt resümiert. Man war sich einig, dass die Erforschung der Situation von ‚Kindern des Krieges‘ wichtig und zukunftsweisend sei. Die bereits erlangten Ergebnisse bergen Möglichkeiten, die in aktuellen Situationen anzuwenden sein könnten. Auf politischer Ebene sei es von besonderer Wichtigkeit, internationale Richtlinien zu schaffen, die die Rechte der Frauen und ihrer Kinder sicherten. Die Stärkung der Rechte von Frauen sei oftmals auch der beste Schutz für die Kinder, nicht immer aber seien die Interessen von Frauen und Kindern identisch. Besonders die unmittelbaren Bedürfnisse in Hinsicht auf Gesundheit, Ernährung und Ausbildung müssten sichergestellt werden. Auf wissenschaftlicher Ebene sei es hingegen besonders wichtig die bereits gesicherten Daten der ‚Kinder des Krieges‘ systematisch zu sammeln. Es müssten international vergleichende und interdisziplinäre Forschungen zu Lebensverläufen von Müttern und ihren ‚Kindern des Krieges‘ durchgeführt werden. Darüber hinaus sei es unabdingbar den Fokus der Forschung verstärkt auf die Täter_innen von sexueller Gewalt zu legen. Wissen über die verschiedenen militärischen Gruppen, deren Kulturen, ethnischen Prinzipien, Verhaltensregeln und Geschlechterrollenvorstellungen sei notwendig, um sexuelle Gewalt im Krieg zu bekämpfen.

Auch müsse darauf hingearbeitet werden, den ‚Kindern des Krieges‘ einen besseren Zugang zu den Archiven zu ermöglichen. Ein weiterer Konsens lag auf der Forderung verstärkt interdisziplinäre Projekte zu fördern und finanziell zu unterstützen sowie die Forscher_innen aller Disziplinen stärker miteinander zu vernetzen. Zum Abschluss der Tagung wurden Grundzüge einer Empfehlung erarbeitet, die an die relevanten Interessengruppen weitergeleitet werden sollen.

Daniela Reinhardt