"Kindheitsgeschichte(n) - dezentrierte Perspektiven, de- und rekonstruktive Lesarten"
Key outcomes following the Expert Meeting “Children Born of War in a Comparative Perspective: State of the Art and Recommendations for Future Research and Policy”
Ankündigung des Sammelbandes zur Tagung 'Besatzungskinder und Wehrmachtskinder - Auf der Suche nach Identität und Resilienz'
Children born of war in a comparative perspective – state of the art and recommendations for future research and policy implementations
Bericht zum Expert Meeting vom 3. bis 4.03.2016
Kinder, die während oder nach einer kriegerischen Auseinandersetzung geboren werden, gab es immer und wird es immer geben. ‚Kinder des Krieges‘ werden darüber definiert, dass sie eine einheimische Mutter und einen Vater einer anderen und in der Regel feindlichen Nation haben. Sie wachsen nicht selten in einem Umfeld aus Zerstörung, Diskriminierung und Stigmatisierung auf, dem sie in einer Phase der Identitätsbildung ausgeliefert sind. Doch auch wenn Kinder als Schutzbedürftige in die Kategorie der Opfer fallen, sprengen die sogenannten ‚Kindersoldat_innen‘ diese kategorischen Grenzen, indem sie die Rolle der Opfer und der Täter_innen zugleich in sich vereinen. Seit einiger Zeit sind die ‚Kinder des Krieges‘ auch in den Fokus wissenschaftlichen Interesses gerückt.
Auf dem von den Professorinnen Elke Kleinau (Universität zu Köln, SINTER) und Ingvill C. Mochmann (GESIS und Cologne Business School) organisierten Expert_innen Meeting, das am 3. und 4. März 2016 in der Cologne Business School stattfand, widmeten sich Wissenschaftler_innen aus unterschiedlichen Disziplinen dem Thema und stellten ihre Forschungsergebnisse vor. Es sollte kritisch herausgearbeitet werden, wie mit diesem aktuellen und sensiblen Thema auf wissenschaftlicher Ebene umzugehen sei, inwiefern Kenntnisse aus vergangenen Dekaden für die Gegenwart und Zukunft von Bedeutung sein könnten und wie diese in wissenschaftliche, politische und praktische Maßnahmen transferiert werden können. Und so standen ‚Besatzungskinder‘, ‚Wehrmachtskinder‘ des Zweiten Weltkrieges, ‚Kindersoldat_innen‘ und andere von aktuellen kriegerischen Konflikten betroffene Kinder im Zentrum der Diskussion.
Nach der Begrüßung und organisatorischen Hinweisen startete das erste Panel, das sich mit ‚Kindern des Krieges‘ in der Gegenwart beschäftigte.
Begonnen wurde mit einem Beitrag über ‚Kinder des Krieges‘, die möglicherweise nie auf die Welt gekommen sind. Jennifer Scott (Brigham and Women´s Hospital, Harvard Medical School, USA; z.Zt. L'École des Hautes Études en Sciences Sociales, Institut des mondes africains, France) berichtete in ihrem Vortrag „Influences on decision-making processes among women with sexual violence-related pregnancies in eastern Democratic Republic of Congo“ davon, welche Entscheidungsmöglichkeiten kongolesische Frauen hatten, die aufgrund einer Vergewaltigung schwanger geworden waren. Seit 1996 ist die Region um den Kongo in Unruhen verwickelt, die seither mehr als fünf Millionen Menschenopfer gefordert haben. Scott verwies auf die Tatsache, dass die Vergewaltigung von Frauen in dieser Region zu einer Kriegswaffe geworden sei, was auch an der Zahl von 200.000 Angriffen auf Frauen in den letzten 12 Jahren auszumachen sei. Der Schwerpunkt des Vortrags lag auf dem Prozess, den vergewaltigte Frauen in ihrer Entscheidungsfindung, das Kind auszutragen oder die Schwangerschaft abzubrechen, durchliefen und welche Faktoren zu der einen oder anderen Entscheidung führten. Dieser komplexe Prozess der Entscheidungsfindung würde von den Frauen unter Berücksichtigung religiöser, moralischer, partnerschaftlicher und sozialer Einflüsse beeinflusst. Es sei außerdem wichtig die Auswirkungen des individuellen Traumas einer jeden Frau zu berücksichtigen.
Norman Mukasa (University of Deusto, Spain; z.Zt. Muteesa I Royal University, Uganda) begann seinen Vortrag „Victims in war and peace: Mothers and Children Born of War in Northern Uganda“, indem er einige Begriffe wie ‚Children born of war‘ und ‚Child/Young Mothers‘ definierte. Diesen ‚Kinder-Mütter‘, die in Uganda auch ex-LRA´s (LRA= Lord´s Resistance Army) genannt werden, gilt das Forschungsinteresse Mukasas. Für seine Untersuchungen interviewte er 13 junge Mütter im Alter zwischen 16 und 25 Jahren, die alle Opfer sexueller Gewalt waren und noch vor ihrem 18. Lebensjahr Kinder bekamen. In seinem Vortrag fokussierte er sich auf den Alltag der Mütter und ihrer Kinder und die Herausforderungen, denen sich diese jungen Mütter stellen müssen. Außerdem ging er auf die sozialen Einflüsse ein, die für eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft wichtig seien. Mukasa betonte, dass die Mütter mit ihren Kindern Stigmatisierungen, Diskriminierungen und Ausgrenzungen ausgesetzt seien. Und er verwies auf die Konsequenzen von Schlaflosigkeit, über Traumata bis hin zu Identitätsverlust, die dies für die Betroffenen habe. Mit seiner Forschung wolle Mukasa auf die Notwendigkeit aufmerksam machen, den Müttern und ihren Kinder ihre Rechte und ihre Würde zurückzugeben.
Judith Imholt (Absolventin der CBS) stellte in ihrem Vortrag „Refugees in Cologne – experiences from the field“ ihre Arbeit in der Flüchtlingshilfe in Köln vor und berichtete von ihren persönlichen Erfahrungen im Umgang mit jungen, meist männlichen Flüchtlingen.
Der Tag wurde von Miriam Cullen (University of Copenhagen, University of Oxford, Centre for International Law and Justice und TraumAid International) beschlossen, die in ihrem Vortrag „Children and international criminal prosecutions“ auf die Strafverfolgung von Kindern einging sowie die Herausforderungen Kinder als Zeugen in Gerichtsprozesse zu nutzen, insbesondere bei kriegerischen Konflikten.
Der zweite Tag, der sich mit ‚Kindern des Krieges‘ aus vergangenen Konflikten beschäftigte begann mit dem Vortrag „Children born of Occupation – experiences of education and differentiation“ von Rafaela Schmid und Elke Kleinau (beide Universität zu Köln), die ihr Forschungsprojekt über „Besatzungskinder in Deutschland nach 1945“ vorstellten. Nach einer Einführung in das Thema und die aktuelle Forschungssituation erklärten sie ihre methodische Vorgehensweise mit biografisch-narrativen Interviews, die sie mit der offenen Frage: „Würden Sie mir bitte ihre Lebensgeschichte erzählen?“ beginnen. Die Geschichte, die daraufhin erzählt wird, wird als ein Produkt von Interaktionen zwischen Forscher_innen und Befragten interpretiert. Derzeit analysierten Schmid und Kleinau 16 bereits geführte Interviews mit ‚Besatzungskindern‘ aus allen vier Besatzungszonen, was zu neuen Fragestellungen führe. Besonders der Umgang mit „professionellen“ Zeitzeug_innen, für die es zu einer Bewältigungsstrategie geworden sei ihre Geschichte zu erzählen, sei eine große Herausforderung.
Im Folgenden stellten Andrea Meckel (GESIS und Universität zu Köln) und Ingvill C. Mochmann in dem Vortrag „Social Trust and Children born of War“ Ergebnisse zum sozialen Vertrauen von ‚Wehrmachtskindern‘ vor. Die Daten wurden im Rahmen einer quantitativen Studie anhand von Fragebögen unter der Leitung von Martin Miertsch erhoben und sind Teil eines größeren internationalen Kooperationsprojektes. Die norwegischen ‚Kinder des Krieges‘ wurden nach ihrer Kindheit, traumatischen Erlebnissen, Identitätssuche, Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen und ähnlichem gefragt. Die Forschungsfrage bezog sich dabei auf die Annahmen, dass negative Erlebnisse in Interaktion mit anderen Menschen zu einem geringeren sozialen Vertrauen führten und dies durch das Selbstwertgefühl der Betroffenen vermittelt wird.
Oskars Gruzins (University of Latvia) präsentierte eine Übersicht seines Dissertationsvorhabens „My father wore an Occupier´s Uniform: Experiences of Children Born of German and Soviet Soldiers in Latvia“, welches innerhalb des Marie Curie Initial Training Network Projekts „Children born of War – Past, present and future“ entstehen soll. In seiner Untersuchung wolle er sich auf den Zeitraum von 1944/45 bis 1991 konzentrieren. Gruzins betonte, dass die ‚Kinder des Krieges‘ aus Lettland sowohl ‚Wehrmachtskinder‘ als auch Kinder von Sowjetsoldaten sind. Er formulierte mögliche Theorien, Fragestellungen und eventuelle Schwierigkeiten, die ihn erwarten könnten. Die Forschungslage über die in Lettland geborenen ‚Kinder des Krieges‘ sei unzulänglich, was eine generelle Aufarbeitung des Themas erfordere. Die größte Hürde stelle die Suche nach geeigneten Zeitzeug_innen und anderen Informationsquellen dar. Aufgrund einer jahrzehntelangen gesellschaftlichen Tabuisierung des Themas wüssten viele ‚Kinder des Krieges‘ nichts von ihrem eigenen Schicksal.
Der letzte Beitrag der Tagung wurde von einem dänisches ‚Wehrmachtskind‘ gehalten. Arne Øland (Repräsentant von Born of War international network) berichtete in seinem Vortrag „Practical, juridical and political suggestions – voices from BOW i.n. representatives“ über die Schwierigkeiten, denen sich ‚Kinder des Krieges‘ stellen müssen, um ihre biologischen Väter ausfindig zu machen. Da die Gesetze in den einzelnen Ländern verschieden sind, sei es oftmals schwierig und manchmal unmöglich an die nötigen Akten zu kommen. Abschließend stellte er die Organisation BOW i.n. vor, die 2007 gegründet wurde und sich als ein internationales Netzwerk verstünde, das die ‚Kinder des Krieges‘ über Grenzen hinweg unterstützten und koordiniere. Zudem sei es ein Ziel der Organisation präventiv tätig zu werden. Seit Jahrzehnten mit Fragen nach Identität und biologischer Herkunft befasst, diskutiert BOW i.n. auch aktuelle Problematiken, wie die Bedeutung der biologischen Herkunft bei Kindern von Samen- oder Eispender_innen.
In der anschließenden Abschlussdiskussion, wurden die vergangenen zwei Tage angeregt resümiert. Man war sich einig, dass die Erforschung der Situation von ‚Kindern des Krieges‘ wichtig und zukunftsweisend sei. Die bereits erlangten Ergebnisse bergen Möglichkeiten, die in aktuellen Situationen anzuwenden sein könnten. Auf politischer Ebene sei es von besonderer Wichtigkeit, internationale Richtlinien zu schaffen, die die Rechte der Frauen und ihrer Kinder sicherten. Die Stärkung der Rechte von Frauen sei oftmals auch der beste Schutz für die Kinder, nicht immer aber seien die Interessen von Frauen und Kindern identisch. Besonders die unmittelbaren Bedürfnisse in Hinsicht auf Gesundheit, Ernährung und Ausbildung müssten sichergestellt werden. Auf wissenschaftlicher Ebene sei es hingegen besonders wichtig die bereits gesicherten Daten der ‚Kinder des Krieges‘ systematisch zu sammeln. Es müssten international vergleichende und interdisziplinäre Forschungen zu Lebensverläufen von Müttern und ihren ‚Kindern des Krieges‘ durchgeführt werden. Darüber hinaus sei es unabdingbar den Fokus der Forschung verstärkt auf die Täter_innen von sexueller Gewalt zu legen. Wissen über die verschiedenen militärischen Gruppen, deren Kulturen, ethnischen Prinzipien, Verhaltensregeln und Geschlechterrollenvorstellungen sei notwendig, um sexuelle Gewalt im Krieg zu bekämpfen.
Auch müsse darauf hingearbeitet werden, den ‚Kindern des Krieges‘ einen besseren Zugang zu den Archiven zu ermöglichen. Ein weiterer Konsens lag auf der Forderung verstärkt interdisziplinäre Projekte zu fördern und finanziell zu unterstützen sowie die Forscher_innen aller Disziplinen stärker miteinander zu vernetzen. Zum Abschluss der Tagung wurden Grundzüge einer Empfehlung erarbeitet, die an die relevanten Interessengruppen weitergeleitet werden sollen.
Daniela ReinhardtBesatzungskinder und Wehrmachtskinder – Auf der Suche nach Identität und Resilienz
Bericht zur Tagung am 07. & 08.05.2015 im GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Köln
Das Kriegsende und die Befreiung vom deutschen Faschismus jährt sich dieses Jahr zum 70. Mal. Viele Gedenkfeiern und wissenschaftliche Tagungen, die zu diesem Jubiläum stattfinden, widmen sich höchst unterschiedlichen Themen. Ein Thema erfreut sich jedoch erst jüngst größeres wissenschaftlichen Interesses: die Gruppe der Wehrmachts- und Besatzungskinder. Auf der zweitägigen Tagung in Köln wurden diese Kinder in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses gerückt. WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen präsentierten und diskutierten ihre Forschungsergebnisse und auch Betroffene selbst kamen zu Wort.
Die Tagung begann mit der Begrüßung und mit organisatorischen Hinweisen der Veranstalterinnen Elke Kleinau (Universität zu Köln) und Ingvill C. Mochmann (GESIS und Cologne Business School). Das Grußwort von Mechthild Rawert (MdB) hob hervor, dass sich die Politikerin, die bereits verschiedene Initiativen zur Verbesserung der Rechtslage von Kriegs- und Besatzungskindern angestoßen hat, von der Tagung neue Erkenntnisse und Denkanstöße für ihr politisches Handeln erhofft.
Barbara Stelzl-Marx (Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz) stellte anhand von biografischen Beispielen dar, welchen Formen von Diskriminierung Besatzungskinder in Österreich ausgesetzt waren und welche Strategien ihnen zur Bewältigung dieser Erfahrungen zur Verfügung standen. Die Referentin ging von 30.000 Kindern aus, die in der ersten Zeit der Besatzung gezeugt wurden, die Hälfte davon von Rotarmisten. Das Aufwachsen, umgeben von einer Mauer des Schweigens, habe bei vielen Kindern zu Identitätskrisen geführt. Zur Bewältigung ihrer traumatischen Erfahrungen hätten viele Kinder versucht, den Makel aus einer unvollständigen Familie zu kommen, zu kompensieren, indem sie einen speziellen Stolz auf ihre Herkunft entwickelten. Diese Strategie wurde als Resilienzfaktor angeführt, was in der anschließenden Diskussion in Frage gestellt wurde.
Im Folgenden Stellte Rainer Gries (Universität Wie und Siegmund Freud Privat-Universität Wien) Ergebnisse des gemeinsam mit Silke Satjukow (Universität Magdeburg) durchgeführten Forschungsprojektes vor, das am Beispiel von sowjetischen und französischen Besatzungskindern die historischen Bedigungen von Zeugung, Geburt und Aufwachsen beleuchtet. Das Projekt wertete zahlreiche archivalische Quellen und oral-history Interviews aus. Ein Stigma aller deutschen Besatzungskinder sei, dass sie "Kinder des Feindes" waren. In der SBZ und der späteren DDR waren Besatzungskinder offziell kein Thema. Sie wurden unter die unehelichen Kinder subsumiert. In westdeutschland wurde anfänglich die Meinung vertreten, man müsse die Besatzungskinder in die Heimat der Väter 'zurückschicken'. Nachdem jedoch die ersten Besatzungskinder Ostern 1952 eingeschult wurden, rückten sie verstärkt in den Fokus der medialen Öffentlichkeit, der von dem Gedanken getragen war die Kinder in die Gesellschaft zu 'integrieren'. Diese Forderung habe dazu geführt, dass aus den "Kindern des Feindes" "Kinder der Freunde" wurden. Ausgehend von einem Fallbeispiel, in dem ein kleiner Junge den unbekannten Vater als mächtigen, ihn beschützenden Gendarmen imaginierte, wurde der abwesende Vater zum Resilienzfaktor erklärt. Diese These wurde in der anschließenden Diskussion äußerst kritisch hinterfragt, wobei deutlich wurde, dass die VertreterInnen der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen von einem höchst unterschiedlichen Resilienzbegriff ausgingen.
Die französischen Besatzungsmächte pflegten einen anderen Umgang mit ‚ihren‘ Besatzungskindern. Auch wenn nach deutschem Recht die Besatzungskinder von französischen Alliierten Deutsche waren, gab es eine Bewegung der ‚retour en France‘. Frankreich organisierte Kindertransporte nach Paris und bot den Müttern an, die Kinder zu ihren Vätern zu bringen. Die Kinder seien allerdings in französische Adoptivfamilien vermittelt und mit einer neuen Identität zu ‚Franzosen‘ erklärt worden. Vor dem Transport nach Paris hätten Ärzte diese Kinder untersucht und wer krank oder ‚behindert‘ gewesen sei, fiel durch das Raster, wurde an die Mütter zurückgegeben oder kam in ein deutsches Heim. Daran entzündete sich eine Diskussion um den verwendeten Selektionsbegriff, der von Teilen des Publikums abgelehnt wurde, weil er die Bevölkerungspolitik der Franzosen auf eine Stufe mit der der Nationalsozialisten stellte. Unbestritten war jedoch, dass hier Eugenik praktiziert wurde.
Wolfgang Hartung (Universität Duisburg-Essen) begann seinen Vortrag mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit Begriffe wie „Kollateralschaden“, „Bastarde“, „Besatzungssoldaten“ und vor allem „Besatzungskinder“ genau zu definieren. In seinem Vortrag ging es um deutsch-marokkanische, ‚schwarze‘ Besatzungskinder. Anhand von Archivmaterial sowie Interviews wurde deren Fremdheitserfahrungen und Suche nach Identität analysiert. Der Vortrag beleuchtete insbesondere die soziale Herkunft der Väter, von denen viele bei der Rekrutierung noch minderjährig waren und heute als ‚Kindersoldaten‘ bezeichnet würden. Die Goumiers [1] wurden bereits im September 1945 wieder abgezogen. Im Gegensatz zu anderen Besatzungssoldaten kamen sie meist aus sehr armen Verhältnissen, was ein späteres Kennenlernen von Kindern und Vätern nahezu ausschloss. Trotzdem hatten die Goumiers einen erheblichen Anteil an der Befreiung Süddeutschlands inne. Das alles seien Faktoren, die in die Bewertung der Väter mit einfließen müssten. Ihre Kinder seinen "Kinder von Siegern", nicht von Verlierern. Trotzdem hatten diese Kinder immer mit dem Stigma des 'Fremden' und mit dem Stigma des 'Farbigen' zu kämpfen.
Cornelia Burian (University of Calgary) analysierte in ihrem Vortrag den autobiografischen Roman „Neun Briefe, drei Fotos, ein Name – Biografie einer deutschen Frau“ von Petra Mitchell. Dieser skizziert den Lebensweg der Deutschen Helene und des amerikanischen Soldaten Peter, deren Tochter Petra 1947 geboren wurde. Petras früheste Erinnerung ist die, dass sie als Problem wahrgenommen wird. Sie wird als „Bastard“ und „Ami-Kind“ beschimpft, wächst zu einem unsicheren Menschen heran und ist ihr Leben lang auf der Suche nach ihrer eigenen Identität und ihrem Vater. Ihre Identitätskrise wird jedoch zum positiven Motivationsfaktor. Der Vortrag konzentrierte sich auf die Resilienz der Autorin, die mit dem Niederschreiben ihrer Lebensgeschichte versucht hat eine „ungebrochene Identität“ zu rekonstruieren. In der anschließenden Diskussion wurde mit Rekurs auf postkoloniale Theorien problematisiert, ob es denn überhaupt eine „ungebrochene Identität“ geben könne.
Im Anschluss leiteten Elke Kleinau und Ingvill C. Mochmann die Podiumsdiskussion mit sechs Besatzungs- und Wehrmachtskindern ein. Auf Fragen zu Resilienzfaktoren und welche Bedeutung die Vergangenheit als Besatzungskind in der Gegenwart habe, wurden ganz unterschiedliche Erfahrungen und Lebensgeschichten berichtet. Auf die Frage was sie selbst für wichtig empfänden, plädierten alle für mehr Offenheit im Umgang mit der Herkunft der Wehrmachts- und Besatzungskinder.
Nach der anschließenden Buchpräsentation „Besatzungskinder. Die Nachkommen alliierter Soldaten in Österreich und Deutschland“, herausgegeben von Barbara Stelzl-Marx und Silke Satjukow (Böhlau-Verlag, Wien), wurde der erste Tag offiziell beendet und den TeilnehmerInnen der Tagung die Gelegenheit gegeben, sich die Fotoausstellung über europäische Wehrmachts- und Besatzungskinder – organisiert von Winfried Behlau und Arne Øland – anzusehen.
Der zweite Konferenztag begann mit einem Vortragsblock, in dem Studien präsentiert wurden, die sich vorwiegend quantitativer Methoden bedienen. Heide Glaesmer und Marie Kaiser (Universität Leipzig) stellten ihre – in Zusammenarbeit mit Philipp Kuwert (Universitätsmedizin Greifswald) - entstandene Untersuchung über Risiko- und Schutzfaktoren beim Aufwachsen als Besatzungskind vor. Ihre Ergebnisse sind das Resultat einer Fragebogenbefragung mit 146 TeilnehmerInnen. Fragen waren unter anderem wie die Lebensbedingungen in der Kindheit und Jugend wahrgenommen wurden, ob es Erfahrungen mit Vorurteilen und Selbststigmatisierung gab, nach der Identität als Besatzungskind oder Beziehungsgestaltungen im Erwachsenenalter. Kategorische Einteilungen waren beispielsweise das Herkunftsland des Vaters und die Art der Beziehung der Eltern. Die Ergebnisse zeigten auf, dass über die Hälfte der Befragten Erfahrungen mit Vorurteilen gemacht hatten. Vom sozialen Umfeld und öffentlichen Einrichtungen seien die meisten Diskriminierungen ausgegangen. Als Ursachen für diese Vorurteile gaben die Befragten die Auswirkungen des verlorenen Krieges, Rassismus, den unehelichen Status der Kinder und die fehlende Aufklärung über die Entstehung der Kinder an. Fast die Hälfte sagten aus, eine traumatische Erfahrung gemacht zu haben. Generell könne man zusammenfassen, dass Besatzungskinder eine Gruppe mit vielen Risikofaktoren für psychische Störungen bilden.
Im Anschluss referierte Martin Miertsch (Universitätsmedizin Greifswald, Helse Bergen, Norwegen) über die psychosozialen Konsequenzen von in Norwegen aufgewachsenen Besatzungskindern. Das noch laufende Projekt, an dem eine Gruppe von WissenschaftlerInnen aus Deutschland und Norwegen beteiligt sind, startete 2013 und von insgesamt 370 Fragebögen, die an Mitglieder des Norges Krigsbarnforbund (NKBF) und den Krigsbarnforbundet Lebensborn geschickt wurden, konnten bis jetzt 75 ausgewertet werden. Im Laufe des Krieges wurden in Norwegen 13 Lebensbornheime errichtet und knapp 8000 Lebensbornkinder registriert. Zudem gab es 10.000 bis 12.000 Wehrmachtskinder in Norwegen. Als uneheliche Kinder und als „Kinder des Feindes“ wurden sie von ihrem sozialen Umfeld ausgegrenzt und diskriminiert. Die bisher ausgewerteten Fragebögen ergeben, dass es eine hohe Rate psychosozialer Belastungen und eine oder mehrere traumatische Erfahrungen unter den Befragten gibt.
Ein weiterer Vortrag aus der gleichen Studie untersuchte die Lebenszufriedenheit norwegischer Wehrmachtskinder 70 Jahre nach Kriegsende. Der Vortrag wurde von Andrea Meckel (GESIS) und Ingvill C. Mochmann (GESIS und CBS) gehalten und ging von dem theoretischen Hintergrund aus, dass negative Erfahrungen in der Kindheit Auswirkungen auf späteres Vertrauen zu anderen Menschen haben und dieses wiederum die Lebenszufriedenheit beeinflusst. In der Studie haben die Befragten ihr Verhältnis zu Bezugspersonen, ihr Vertrauensvermögen und ihre Lebenszufriedenheit bewertet. Es konnte gezeigt werden, dass Personen, die ein besseres Verhältnis zu ihren Bezugspersonen in der Kindheit hatten ebenfalls eine höhere Lebenszufriedenheit hatten. Allgemein gaben die StudienteilnehmerInnen an, ein gutes bis sehr gutes Verhältnis zu ihren Bezugspersonen gehabt zu haben. Auch die Fähigkeit oder der Wille anderen zu vertrauen war in der Regel recht hoch.
Der zweite Block des Tages wurde mit dem Vortrag von Simone Tibelius (Landesarchiv Baden-Württemberg) begonnen, die sich mit den Unterhaltsprozessen von Wehrmachtskindern aus Norwegen und deutsch-amerikanischen Besatzungskindern beschäftigte. Auf der Grundlage von Akten des Deutschen Instituts für Vormundschaftswesen untersuchte sie die Vaterschaftsanerkennungen und Unterhaltszahlungen. Dieses Institut war spezialisiert auf grenzüberschreitende Unterhaltsverfahren und vertrat die Interessen der Mütter und Kinder. Von 1945 bis 1955 waren Vaterschaftsklagen wenig aussichtsreich, da es an rechtlichen Möglichkeiten fehlte. Für die Mütter waren Unterhaltszahlungen somit keine zuverlässige Ressource. Erst in den 1960 Jahren änderte sich die Rechtslage.
Im anschließenden Vortrag erörterte Azziza B. Malanda (Universität Hamburg) die biografischen Verläufe und lebensgeschichtlichen Erfahrungen von ehemaligen afrodeutschen Heimkindern. Im Rahmen ihres geschichtswissenschaftlichen Dissertationsprojekts untersuchte sie anhand von 12 biografisch-narrativen Interviews mit Betroffenen die Risikofaktoren in den Lebensläufen und die Auswirkungen dieser Risikofaktoren auf die Persönlichkeitsentwicklung. Als afrodeutsche Besatzungskinder haben diese Heimkinder eine vierfache Stigmatisierung erlebt: Sie waren unehelich, „Kinder des Feindes“, ‚schwarz‘ und im Heim aufgewachsen. Trotzdem haben die Befragten mehrheitlich resümiert, dass sie an den Erfahrungen nicht zerbrochen seien. Anhand eines Fallbeispiels erläuterte Azziza B. Malanda die Bewältigungsstrategie der Risikofaktoren und kam zu dem Schluss, dass der Resilienzfaktor in den jeweiligen zeithistorischen Kontexten, Lebenssituationen und Lebensbereichen variiere und ein komplexes Zusammenspiel aus Individuum und Umwelt sei.
In den beiden folgenden Vorträgen wurde das Tagungsthema ausgeweitet auf zwei zeitgenössische Vergleichsgruppen von Kindern. Verena Buser (Alice Salomon Hochschule Berlin und Zentrum Jüdische Studien Berlin Brandenburg) thematisierte die Situation polnischer oder tschechischer Kinder, die in der Zeit des Nationalsozialismus geraubt und ‚germanisiert‘ werden sollten und stellte in ihrem Vortrag die beiden Organisationen United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) und die International Refugee Organization (IRO) vor. Die Suche nach eingedeutschten Kindern, die von der UNRRA 1946 eingeleitet wurde, war eine der größten Massensuchaktionen im befreiten Deutschland. Es wurden Children´s Center, Orte des Neuanfangs gegründet, die sich um die Renationalisierung der Kinder kümmerte. Die Unwissenheit über die eigene Verschleppung und ein bewusstes Vergessen der Vergangenheit seitens der Kinder machten die Zurückführung jedoch oftmals unmöglich.
Baard Herman Borge (Harstad University College) ging in seinem Vortrag auf die Kinder von norwegischen Nazikollaborateuren und deren Schulerfahrungen ein. Diese Kinder von Eltern, die in der norwegischen Nazi-Partei waren und den Einmarsch der Deutschen begrüßten, bezeichnete er als „vulnerable school children“ und untersuchte ihre Persönlichkeit, ihre Charakteristika und ihre Stigmatisierung. Unter besonderer Beobachtung des historischen Kontextes überlegte er, ob die Handlungsvarianten von Lehrkräften einen Unterschied für die Persönlichkeitsentwicklung der „Nazi-Kinder“ haben konnten.
Der letzte Vortrag dieser Tagung wurde von Elke Kleinau und Rafaela Schmid (Universität zu Köln) gehalten, die erste Ergebnisse aus ihrem aktuellen Forschungsprojekt zu Besatzungskindern präsentierten. Anhand von biografisch-narrativen Interviews erarbeiten sie die Lebensläufe und Sinnkonstruktionen von Besatzungskindern und gingen der Frage nach, aus welchen Ressourcen diese Kinder schöpften, die als Erwachsene zumeist erfolgreiche Bildungs- und Berufskarrieren aufweisen. Mit der Vorstellung zweier ausgewählter Fallbeispiele verdeutlichten Rafaela Schmid und Elke Kleinau, dass es – entgegen bisher geäußerter Erwartungen – von den InterviewpartnerInnen durchaus positiv thematisiert wurde, nicht bei der leiblichen Mutter bzw. dem leiblichen Vater aufgewachsen zu sein. Verlässliche zwischenmenschliche Beziehungen und Bildungsambitionen wurden gerade nicht mit Elternschaft assoziiert, sondern in einem Fall sogar mit dem Aufwachsen im Kinderheim, das als die „schönste Zeit“ im Leben erinnert wird.
Die Abschlussdiskussion stand unter dem Titel „Kinder des Krieges in Gegenwart und Zukunft“. Sie brachte klare Forderungen zur Stärkung der Position der Mütter und der Kinder hervor und betonte die Verantwortung der Eltern, der Gesellschaft und des Staates. Man müsse darauf hinarbeiten, dass erkannt wird, dass nicht die Kinder das Problem seien, sondern die Gesellschaft, die sie zu ‚Anderen‘ und zu ,Fremden‘ stempele. Des Weiteren wurde die Problematik der Terminologie besprochen. Sämtliche Begriffe bedeuteten eine Stigmatisierung dieser Gruppe. Als neutraler Begriff wurde „Children born of War“ (Kinder des Krieges) aufgegriffen, der 2006 in den wissenschaftlichen Diskurs eingeführt wurde. Zu guter Letzt wurde die Brücke geschlagen zu aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen und daraus hervorgehenden „Kindern des Krieges“. Konsens war, dass die Vernetzung der internationalen Friedensbewegung von Nöten sei, um diesen Kindern zu helfen.
Daniela Reinhardt
[1] Die Bezeichnung, die aus dem maghrebinischen Arabisch stammt, wurde von der französischen Armee verwendet, um Stammesunterschiede zu umgehen und Freiwillige aus verschiedenen Regionen in gemischten Einheiten zusammen zu fassen.